Vertraue auf den Herrn von ganzem Herzen und verlasse dich nicht auf deinen Verstand.  Sprüche 3,5
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 Das tat ich für Dich                  


Während meiner Dienstzeit in Indien, das damals unter englischer Kolonialherrschaft stand, - so berichtete ein englischer Offizier – waren heftige Unruhen dort an der Tagesordnung. Unter alle den hartgesottenen Soldaten hatte ich in meiner Einheit einen Jungen, der noch nicht einmal das 15. Lebensjahr erreicht hatte. Andy war eigentlich viel zu schwächlich, um mit den gleichaltrigen Rekruten in dem strengen Soldatenleben jener Zeit mithalten zu können. Aber wir versuchten immer, ihn seinen Kräften entsprechend einzusetzen.


Sein Vater war bereits im Krieg gefallen. Vor Herzeleid darüber starb die Mutter sechs Monate später. Sie war die Tochter eines Bibelboten gewesen, welche unter den Soldaten missionieren, und sie hatte ihren Jungen nicht nur gut erzogen, sondern auch zum Glauben an Jesus Christus geführt. Als Andy nun beim Militär war, nahm er, so oft er nur , an den Gottesdiensten und Gebetsstunden teil, statt sich den Kameraden anzuschließen und bei ihren wilden Vergnügungen mitzumachen. So war er von ihnen nicht gern gesehen und musste sich so manche boshaften Sticheleien und gemeinen Witze gefallen lassen. Nach dem Tod seiner Mutter – ich erfuhr dies alles erst nachher – wurde ihm das Leben erst recht schwer gemacht. Er war zur Zielscheibe für ihre rohen Späße und Quälereien geworden.


Etwa zwei Jahre waren vergangen. Unsere Einheit führte gerade ein Manöver durch. Ich beabsichtigte, Andy zurückzulassen, weil ich ihm solche Strapazen nicht zumuten wollte, zumal das Gebiet sumpfig und ungesund war. Mein Feldwebel aber bat mich, ihn mitzunehmen. „Man führt etwas gegen ihn im Schilde“, sagte er. „Sie machen ihm das Leben ohnehin schwer genug, obwohl er sich nichts zuschulden kommen lässt.“


Zu de Zeit hatte ich gerade besonders raue Burschen unter den Rekruten meiner Einheit. Es vergingen noch keine 14 Tage, da waren mir schon eine Reihe von Vorfällen gemeldet worden. In der gespannten politischen Situation jener Zeit musste man mit unerbittlicher Strenge gegen alles vorgehen, was die Moral in der Armee untergrub. So kündigte ich für jedes weitere Vergehen eine Bestrafung mit Peitschenhieben an.


Eines Morgens wurde mir erneut gemeldet, dass man während der Nacht Geräte und Einrichtungen so völlig demoliert hatte, dass daraufhin einige Übungen nicht stattfinden konnten. Man versuchte den Schuldigen so schnell wie möglich zu ermitteln und war sich bald sicher, dass einer oder mehrere aus dem Zelt, in dem Andy einquartiert war, die Täter sein mussten. Insbesondere zwei junge Soldaten aus der betreffenden Einheit waren als die Schlimmsten im ganzen Regiment verschrien. Die ganze Truppe wurde sofort zur Verantwortung gezogen und verhört. Bald gab es auch genug Beweise, dass es einer oder mehrere von ihnen gewesen sein mussten.


Vergeblich jedoch erging an sie die Aufforderung, sich freiwillig zu melden oder den Täter zu nennen. Schließlich sagte ich: „Es ist klar bewiesen, dass der Schuldige, der jetzt zu feige ist, zu seiner Tat zu stehen, einer von euch gewesen sein muss. – Wenn jemand, der in der vergangenen Nacht in Zelt 4 schlief, vortreten und die Strafe auf sich nehmen will, so sollen die übrigen frei ausgehen. Andernfalls aber werden alle der Reihe nach dafür bestraft werden, und es bleibt nichts anderes übrig, als jedem von euch die zehn angekündigten Peitschenhiebe austeilen zu lassen.“


Ein paar Minuten war Totenstille. Dann trat aus der Mitte der jungen Soldaten Andy hervor, dessen schmächtige Gestalt hinter den anderen völlig verborgen geblieben war. Einige Schritte vor mir blieb er stehen. Sein Gesicht war sehr bleich, zeigte aber in allen Zügen eine feste Entschlossenheit. Mit standhaftem Blick schauten mich seine hellen Augen freundlich an.


„Herr Oberst“, sagte er, „Sie haben Ihr Wort gegeben, dass es genügt, wenn einer aus Zelt 4 die Strafe auf sich nimmt. Die übrigen würden dann frei ausgehen. Ich bin dazu bereit! Ich nehme freiwillig die angekündigte und verdiente Strafe für meine Kameraden auf mich.“


Für einen Augenblick war ich sprachlos, so völlig überrascht war ich. Dann aber wandte ich mich erregt vor Unwillen an die jungen Männer, die vor mir standen: „Seid ihr solche Feiglinge, dass ihr zusehen könnt, wie dieser Junge für eure Schuld leiden muss? Denn dass er schuldlos ist, wisst ihr so gut wie ich.“ Aber trotzig und schweigsam standen sie da; keiner sagte ein Wort.


Darauf wandte ich mich nun zu Andy, dessen flehende Augen mir geduldig ins Gesicht schauten. Noch nie in meinem Leben befand ich mich in einer so peinlichen Lage. Ich wusste, dass ich unbedingt zu meinem Wort stehen musste, andernfalls hätte ich bei meinen Soldaten jeglichen Respekt eingebüßt. Ich konnte nicht ohne ein weiteres die angekündigte Strafe für diese Tat aufheben, obgleich ich dies um Andys willen nur zu gerne getan hätte. – Andy wusste ebenso, dass ich mein Wort nicht zurücknehmen konnte. Darum weiderholte er: „Ich bin bereit, Herr Oberst.“


Mit wehem Herzen gab ich nun den Befehl, die Strafe durchzuführen, und der Junge wurde abgeführt. Tapfer stand er da mit entblößtem Rücken, als ein, zwei, drei Hiebe auf ihn niedergingen. Beim vierten Schlag entfuhr seinen weißen Lippen ein leiser Seufzer. Doch ehe der fünfte Schlag fiel, ertönte ein lauter Schrei aus der Reihe der jungen Soldaten, die dazu verurteilt worden waren, Zeugen dieses Geschehens zu sein. Mit einem Satz hatte Tom, das „schwarze Schaf“ im Regiment, die Peitsche ergriffen, indem er mit erstickter, nach Luft ringender Stimme rief: „Haltet ein, haltet ein! Er hat es nicht getan, ich war es ! Ich habe diese Schläge verdient.“ – Und mit heftig zuckenden, geängstigten Mienen umarmte er den Jungen.


Fast unfähig zu sprechen, richtete Andy seine Augen auf das Gesicht seines jungen Kameraden und lächelte – es war ergreifend. – Flüsternd kam es über seine Lippen: „Nein, Tom, dir geschieht nun nichts mehr. Der Oberst hat sein Wort gegeben.“ Sein Kopf neigte sich, und ohnmächtig brach er zusammen.


Als ich am nächsten Tag zum Feldlazarett ging, in dem Andy lag, begegnete mir der Arzt. „Wie geht´s dem Jungen?“ fragte ich. „Es geht zu Ende mit ihm, Herr Oberst“, sagte er ernst. „Was?“ rief ich aus, vor Schrecken und Bestürzung keine anderen Worte findend. „Ja, das war gestern zuviel für seine schwache Gesundheit. Ich wusste es schon vor Monaten, dass es nur noch eine Frage der Zeit sei“, fügte er hinzu. „Doch dies hat die Sache beschleunigt. Übrigens, er passt auch besser für den Himmel als für diese Welt.“ Die Augen des Arztes waren vor Bewegung feucht geworden.


Ich trat ins Zelt. Da lag Andy, auf Kissen gebettet, und neben ihm kniete Tom. Die Veränderung in Andys Aussehen bestürzte mich. Er war totenbleich, aber seine großen

Augen leuchteten in wunderbarem Licht. Tom richtete seinen Kopf auf, und ich sah Schweißtropfen auf seiner Stirn und Tränen in seinen Augen, als er schluchzend die Frage wiederholt hervorstieß: „Warum hast du das getan, Andy? – Warum?“


„Das tat ich für dich, Tom, weil ich es dir ersparen wollte“, antwortete Andy liebevoll und mit schwacher Stimme. „Ich dachte, dass ich es dir dadurch ein wenig leichter machen könnte zu verstehen, weshalb der Herr Jesus für dich starb.“


„Weshalb Jesus für mich starb?“ wiederholte Tom kaum hörbar. – „Ja, Er starb für dich, weil er dich liebt, wie ich es tue, Tom; nur liebt der Herr Jesus dich viel mehr. Ich litt nur für eine Schuld, aber der Herr Jesus nahm die Strafe für alle Sünden auf sich, die du begangen hast.


Die gerechte Strafe, die wir um unserer Sünden willen verdienten, war der Tod. Darum musste der Sohn Gottes, der Herr Jesus, diesen qualvollen Tod am Kreuz sterben, weil Er uns so sehr liebt.“


„Jesus will bestimmt mit solch einem Schuft, wie ich einer bin, nichts zu tun haben, Andy; ich bin so gemein und gehöre zu den schlechtesten Menschen, das solltest du wissen.“


„Aber Er starb, um die Schlechten zu erretten, gerade dich! Er sagt: ´Ich bin nicht gekommen, die Gerechten zur Buße zu rufen, sondern die Sünder´. - ´Wenn eure Sünde auch blutrot ist, soll sie doch schneeweiß werden´“, sagte Andy leise zu ihm.


„Tom“, die ernste Stimme bat flehentlich, „soll der Herr Jesus für dich umsonst gestorben sein? Höre doch: Er ruft dich. Er hat Sein Blut auch für dich vergossen. Das tat Jesus für dich! Er klopft jetzt an deine Herzenstür. Willst du Ihn nicht einlassen? Oh, du musst es tun – dann werden wir uns im Himmel wiedersehen.“


Die Stimme versagte ihm, aber er legte seine Hand sanft auf das gebeugte Haupt von Tom. Ein unterdrückter Seufzer war die einzige Antwort, und für einige Minuten war alles still.


Während ich hinter Tom stand, fühlte ich, wie mein eigenes Herz seltsam berührt wurde. Von Jesus und Seinem stellvertretenden Sterben hatte ich schon einmal gehört, vor langer, langer Zeit. Gedanken an meine Mutter, die ich sehr geliebt hatte, tauchten aus der fernen Vergangenheit in meiner Erinnerung auf, und die Worte des sterbenden Jungen schienen ein Echo der Worte meiner Mutter zu sein.


Wie lange ich so dastand, weiß ich nicht, aber ich wurde aufgeschreckt durch einen Aufschrei von Tom, und dann sah ich, wie Andy ohnmächtig auf sein Kissen zurückgesunken war. Ich dachte schon, er sei gestorben. Doch nach einer Weile öffnete er die Augen und sein Blick war in weite Ferne gerichtet. „Sing mir das Lied von der himmlischen Heimat, Mama“, flüsterte er im Fieber, „ich bin so müde.“


Augenblicklich kamen die Worte eines Liedes in mein Gedächtnis zurück, das ich früher einmal gelernt hatte. Unwillkürlich sagte ich daraufhin leise dem sterbenden Jungen die Worte, soweit ich mich noch an sie erinnern konnte:


 


Es gibt eine Heimat im himmlischen Land,


bereitet vom Heilande mein.


Und wenn Er mich rufet, so weiß ich gewiss:


Ich werde kein Fremdling dort sein!


 


„Ich danke Ihnen, Herr Oberst“, flüsterte er, die Augen nun klar auf mich richtend, „bald werde ich dort sein.“ – Seine freudige Zuversicht war mir etwas Ungewöhnliches, dass ich spontan fragte; „Wo?“ – „Bei dem Herrn Jesus, der für mich starb. Bald werde ich Ihn sehen! – Der Appell ist schon an mich ergangen, die Tore sind offen, der Preis ist gezahlt.“ Dann wiederholte er vor sich selbst sanft und halb im Traum den Liedvers:


 


Jesus starb für mich!


Jesus starb für dich!


Ja, für uns alle starb der Herr! – Er starb für dich und mich!


 


Dann richtete Andy noch einmal seine Augen auf mich: „Herr Oberst, Sie werden Tom gewiss helfen“, hauchte er, indem er seine schwache Hand auf das Haupt des jungen Soldaten legte, der immer noch an seiner Seite kniete. „Sie werden ihm den Weg – zu – der – himmlischen – Heimat – zeigen?“


Zögernd kam jedes Wort hervor, schwächer und schwächer wurde sein Atem. Plötzlich aber leuchteten seine sterbenden Augen noch einmal auf im herrlichen Licht, und mit einem vor Wonne entzückten Schrei rief er: „JESUS! JESUS!“ indem er seine Arme wie zum Willkommen ausbreitete.


Seine Stimme verklang und ergriff die Herzen derer, die sie hörten. Dann sanken seine schwachen Arme allmählich nieder, seine eben noch strahlenden Augen wurden matt, und der junge tapfere Andy war bei seinem Herrn, den er von Herzen liebte und dem sein junges Leben gehörte.


 


Lieber Leser, der Herr Jesus tat für Sie und für mich viel mehr, als Andy für seinen Kameraden tun konnte. – Die Bibel sagt: „Die Strafe liegt auf Ihm (auf Jesus), damit wir Frieden hätten, und durch Seine Wunden sind wir geheilt“ (Jesaja 53,5).


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Das tat ich für dich

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